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Mieten steigen weiter – Neue Wohnungsnot in den Großstädten

Anders als früher ziehen die Menschen nach der Familiengründung nicht mehr ins Umland. In den Metropolen wird Wohnraum zum Luxus. Bald fehlen 400.000 Wohnungen. Auf dem Land stehen viele Häuser dagegen leer.

Sie schlafen jetzt seit vier Wochen in einem Bretterverschlag auf dem Gehweg, die Mieter aus der Großsiedlung am Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg. “Seit Jahren steigen bei uns die Mieten, die meisten zahlen bereits mehr als 50 Prozent ihres Einkommens für ihre Wohnung”, sagt die Politik-Doktorandin Ulrike Hamann.

Am Samstag rief die Mietergemeinschaft Kotti & Co erneut zu einer “Lärm-Demo” mit Kochtöpfen und Trillerpfeifen gegen steigende Mieten auf. 700 Unterstützer kamen. Hamann hat das Mut gemacht: “Wir machen weiter, bis unsere Mieten gesunken sind.”

Vor drei Jahren ist die 32-Jährige in den Sozialbau mit den grau betonierten Balkonen eingezogen, inmitten von Cafés, Bars und türkischen Gemüseläden. In dieser Zeit stieg die Miete um fast 300 Euro, die 97-Quadratmeter-Wohnung kostet nun 960 Euro warm. Immer mehr Menschen wollen in die beliebte Gegend ziehen.

Abend für Abend strömen Touristen durch die Straßen, man kann hier jetzt sogar Austern essen. In dem Haus am Kottbusser Tor wohnen überwiegend türkische Familien. Viele sind vor 50 Jahren mit den ersten Gastarbeiter-Verträgen gekommen. Und genau wie Ulrike Hamann wollen sie weiterhin in ihrem Kiez bleiben.

Nicht nur in der Hauptstadt fürchten Mieter die Verdrängung. Deutschland hat – in bestimmten Teilen – eine neue Wohnungsnot. Während im Bundesdurchschnitt die Mieten nur moderat steigen und in manchen ländlichen Regionen sogar bröckeln, klettern sie in den Berlin, München, Hamburg oder dem Rhein-Main-Gebiet, aber auch in den Universitätsstädten rasant. Hier prallt eine stetig steigende Nachfrage auf ein knappes Angebot.

Denn schon heute fehlen 100.000 Wohnungen nach Berechnungen des Pestel-Instituts. Bis 2017 drohe die Angebotslücke gar auf 400.000 Mietwohnungen anzuwachsen, heißt es in einer Studie des Instituts. Hauptgrund für die neue Wohnungsnot sei “der Trend zum urbanen Leben”, sagt Pestel-Vorstand Matthias Günther.

Junge Leute ziehen zur Ausbildung in die Stadt. Aber anders als früher, blieben die Menschen heutzutage dauerhaft und gingen auch nach der Familiengründung nicht mehr ins Umland. Es sind nicht zuletzt die stark gestiegenen Mobilitätskosten, die für das Wohnen in der Stadt sprechen. Und so gibt es die paradoxe Situation, dass auf dem Land viele Häuser leer stehen, während in den begehrten Städten Wohnraum zum Luxus wird.

Fast 60 Prozent der Bevölkerung sind dafür, dass der Staat eingreift, um den Mietpreisanstieg in Großstädten zu begrenzen. Dies ergab eine Umfrage von Infratest dimap im Auftrag der “Welt am Sonntag” (siehe Grafik in der Bildergallerie). Auch die Politik sieht Handlungsbedarf, zumal das Thema durchaus das Potenzial zum Wahlkampfschlager hat.

“In Metropolregionen wie München oder Hamburg erleben wir eine solche Verknappung von Wohnraum, dass sich hier auch exorbitante Mietsteigerungen durchsetzen lassen”, sagt der stellvertretende SPD-Fraktionschef Florian Pronold. Es sei bedenklich, dass sich die Zahl der Haushalte, die mehr als 40 Prozent ihres Einkommens fürs Wohnen ausgeben, in den letzten zehn Jahren verdoppelt habe.

Auch die Pestel-Studie weist darauf hin, dass hierzulande bereits fast jeder Vierte mehr als 40 Prozent seines Einkommens an Unterkunftskosten hat – damit liegt Deutschland europaweit an der Spitze. Treibsatz sind dabei auch die Nebenkosten etwa für Heizen, Strom und Wasser.

Um den Mietanstieg zu bremsen, sollte der Gesetzgeber die Mietkappungsgrenze halbieren, fordert SPD-Fraktionsvize Pronold. Derzeit könnten die Mieten innerhalb von drei Jahren um bis zu 20 Prozent angehoben werden. “Außerdem brauchen wir dort, wo Wohnungsknappheit herrscht, eine Reaktivierung des sozialen Wohnungsbaus”, so Pronold. “Wir sollten aber die Mittel dort konzentrieren, wo der Bedarf am größten ist und nicht mit der Gießkanne fördern.” Der Bund dürfe sich hier nicht aus der Verantwortung stehlen.

Bundesbauminister Peter Ramsauer (CSU) plädiert gleichfalls für “mehr sozialen Wohnungsbau”. Die Zuständigkeit hierfür liege jedoch seit 2007 bei den Ländern. Der Bund beteiligt sich allerdings an der Wohnungsbauförderung mit 518 Millionen Euro im Jahr. “Es ist wichtig, dass diese Bundesmittel für sozialen Wohnbau verwandt werden”, so Raumsauer.

Während Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Bayern in erheblichem Umfang solche Fördermittel vom Bund abgerufen hätten, gelte dies für Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern mitnichten. “Die Länder gehen also sehr unterschiedlich mit dem sozialen Wohnungsbau um – es gibt durchaus noch Spielräume”, sagt Ramsauer.

Berlins Bausenator Michael Müller (SPD) hält von Forderungen nach mehr sozialem Wohnungsbau indes wenig: “Das ist die teuerste Variante, um bezahlbares Wohnen zu erreichen, die man finden kann.” Die Stadt habe leidvolle Erfahrungen mit solchen Milliardenprojekten gemacht und sich deshalb bewusst aus dem sozialen Wohnungsbau in seiner bisherigen Form rausgezogen. Auch Ökonomen winken ab.

“Das Wohngeldsystem und das mieterfreundliche Mietrecht sind viel effizienter als der soziale Wohnungsbau, wenn es darum geht, bezahlbares Wohnen zu sichern”, sagte der Immobilien-Experte des Instituts der deutschen Wirtschaft, Ralph Henger. Deutschland sei insgesamt nach wie vor “ein günstiges Miet-Land”.

Laut Bausenator Müller setzt Berlin auf andere Instrumente, um den Auftrieb in den begehrten Stadtvierteln zu dämpfen. Mit einem neuen Gesetz will er verbieten, dass in den angesagten Bezirken Wohnungen zweckentfremdet und als Feriendomizile angeboten werden. Denn diese Form der Immobiliennutzung wird in den Szenevierteln der Hauptstadt immer beliebter. Der rot-schwarze Senat hat zudem einen Fonds aufgelegt, um Anreize für Genossenschaften zu schaffen. “Es gibt eine wahre Renaissance bei den Genossenschaften. Die Nachfrage ist sehr groß”, so Müller.

Und das nicht nur in Berlin. Deutschlandweit gibt es derzeit 1883 Genossenschaften mit 2,8 Millionen Mitgliedern. “Wir verzeichnen einen Anstieg bei den Wohnungsanfragen”, sagt Stefanie Sprang von der Marketinginitiative der Wohnungsbaugenossenschaften Deutschland. “Der Wohnraum kann gar nicht so schnell geschaffen werden wie die Anfragen steigen.”

Der Informationstechniker Martin Haag, 47 Jahre, wohnt mit seiner Familie schon seit 15 Jahren in einer Wohnung der GWF-Genossenschaft in Gablenberg, einem hübschen Viertel in Stuttgarter Hanglage. Von seinem Küchenfenster blickt Haag über das Remstal bis hin zur Mercedes-Benz-Arena. Hinter dem Haus gibt es einen Garten mit Obstbäumen. Für 65 Quadratmeter zahlt Haag 580 Euro warm – etwa ein Drittel weniger als auf dem freien Markt.

Weil die Haags damals einfach keine bezahlbare Wohnung fanden, kauften sie sich bei der GWF Anteile für 2000 Mark und bekamen ein paar Wochen später ihre jetzige Wohnung angeboten. Das Geld liegt jetzt auf einem Sparbuch, und sollte die Familie mal im Lotto gewinnen und sich eine Villa kaufen, scherzt Haag, bekommt sie ihr Geld verzinst zurück. “Das finde ich total fair”, sagt Haag.

Im vergangenen Jahr ließ die Genossenschaft das Haus wärmedämmen, sodass die Energiekosten jetzt gesunken sind. Und kürzlich wurde der Abstand der Gitter im Treppenhaus verringert, weil eine Mutter Angst um ihre Kinder hatte. Die Haags sind rundum zufrieden in ihrem Heim, sodass sie ihre Schwiegermutter nachholten, die nun ein Stockwerk tiefer wohnt.

Christoph Villinger hat einen radikaleren Weg gewählt, der ihn vor steigenden Mieten schützt. Seit 28 Jahren wohnt der Schwabe in einem Altbau auf der Oranienstraße, einem Viertel, das die Berliner lange “Klein Istanbul” nannten. Seit acht Jahren ist Villinger, ehemals autonomer Hausbesetzer, nun einer der Besitzer eines großen Mehrfamilienhauses in bester Kiezlage. Dabei geht es ihm nicht um Profit, vielmehr will Villinger sein Haus dauerhaft dem Markt entziehen. “Unser Ziel ist die Eigentumsneutralisierung”, sagt er. Und er wolle “in Ruhe leben” – zu einem stabilen Preis.

Er und seine Mitbewohner zahlen 3,50 Euro pro Quadratmeter, von Neumietern in ähnlicher Lage wird mitunter das Dreifache verlangt. Dabei gibt es durchaus einen gewissen Luxus in Villingers Haus, einen Sonnenstrand auf dem Hinterhausdach mit Regendusche etwa, einen Musikkeller und sogar ein Antiquariat.

Damals, im Herbst 1983, sollte Villingers Haus abgerissen werden. Es gab keinen Wohnraum in West-Berlin, und Villinger, frisch zugereist aus Schwäbisch Gmünd, besetzte den Bau mit seinen Kumpels. 35 Leute auf 1432 Quadratmeter. Gemeinsam gründeten sie die “Wohnraum-Rettungs-Gesellschaft” und erstritten bei der Wohnungsbaugenossenschaft Bewoge einen gemeinsamen Mietvertrag für alle Bewohner – jeder zahlte etwa 200 Mark.

Dafür renovierten und reparierten die Mieter selbst. Im Jahr 2000 dann sollte das Haus verkauft werden, und in Villingers Briefkasten flatterte eine Nachricht mit der Frage, die die Genossenschaft pro Forma an alle Mieter stellen musste: Haben Sie Interesse, das Haus selbst zu kaufen?

Villinger und seine Kumpels wollten. Doch niemand verfügte über Erbschaften oder dergleichen, der Verkehrswert des Hauses betrug 537.000 Euro. Da brachte jemand das Freiburger Mietshäuser Syndikat ins Spiel. In den 80er-Jahren hatte sich im Breisgau ein Verein gegründet mit dem Ziel, Wohneigentum auch finanziell schwachen Kreisen zu ermöglichen. Das Mietshäuser-Syndikat organisiert heute 61 Wohnprojekte in ganz Deutschland, 23 Initiativen stecken in den Vorbereitungen. Mittlerweile kommen Anfragen sogar aus Frankreich, Österreich, Polen und der Schweiz.

Auch Villinger und seine Mitbewohner gründeten einen Hausverein und schließlich eine Hausbesitz-GmbH. Diese hat zwei Gesellschafter, den Hausverein und das Syndikat. Gegen den Willen eines Gesellschafters kann die Immobilie nicht verkauft werden. Herzstück des Verbunds ist ein gemeinsamer Geldtopf, der Solidarfonds.

Mietüberschüsse aus bereits bestehenden Häusern werden in diesen Fonds gezahlt und dienen als Anschubfinanzierung für neue Projekte. 118.000 Euro brachte die Mieterschaft damals mit Direktkrediten ein; Verwandte und Freunde halfen. Die restlichen 70 Prozent kamen von Syndikat und Bank.

“Wir zahlen Miete an uns selbst”, sagt Villinger. “Wir sind das, was früher eine Genossenschaft war – nur angepasst an die neoliberale Zeit.” Alle Bewohner gehören mittlerweile der bürgerlichen Mittelschicht an. “Wer mit einer halben Million Euro umgehen kann, lebt nicht mehr wie in einer Antifa-Gruppe.”

Den Hausbesetzer von einst kann die angespannte Wohnungssituation nicht aus seinem Kiez vertreiben. Ob Ulrike Hamann und ihre Mitstreiter dagegen mit Demonstrationen gegen den Mietanstieg ankommen, ist fraglich. Bausenator Müller weist aber darauf hin: “In Berlin muss niemand wegen der Miete vor die Stadt ziehen. Hier geht es höchstens um den Umzug in den Nachbarbezirk.”

 

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